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Juni 2020
In der letzten Ausgabe des ICON-Magazins stand ein Artikel über die Zusammenarbeit von Maria Grazia Chiuri von Dior und der berühmten amerikanischen Künstlerin Judy Chicago. Frau Chicago wurde in dem Interview gefragt, ob sie denn Kinder hätte und sie antwortete: „Nein! Sonst hätte ich niemals Karriere als weibliche Künstlerin machen können.“ Die Aussage hat mich betroffen gemacht, ich musste erstmal kurz innehalten. Dann wurde ich richtig wütend. Nicht über Frau Chicago, nicht über ihre Aussage – die ja wahr ist – sondern über die Tatsache, dass es heute immer noch eine Tatsache ist: eine weibliche Künstlerin, die Kinder hat und versorgt, hat eine geringe Chance auf wirtschaftlichen Erfolg als Künstlerin. Wir werden immer noch als Hausfrauen angesehen, die nebenher noch „irgendwas Kreatives“ machen. Wir werden nicht wirklich ernst genommen mit unserer Arbeit, denn die Haus- und Erziehungsarbeit schränkt die investierbare Zeit in die Kunst deutlich ein. In meinem Fall schaffe ich maximal sechs Stunden am Tag.

In den letzten Monaten allerdings habe ich es nicht mal auf zwei Stunden am Tag gebracht. Durch die Corona-Krise und die damit einhergehenden Einschränkungen in unser aller Leben hatte ich plötzlich zwei Homeschooling-Kinder zuhause, die meine Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchten. Wo auch immer ich hinsehe, sind es meistens die Frauen, die sich kümmern, organisieren und die aktuelle Lage zu meistern versuchen: home cooking, home working, home schooling, home office – und vieles mehr. Es ruht meist auf den Schultern von Frauen. Ich höre immer dieselbe Geschichte: auch wenn Mann und Frau sich die Zeit zuhause mit den Kindern irgendwie einteilen und vielleicht eine Art Schichtmodell fahren, um zur Arbeit zu gehen – wenn die Frau nach Hause kommt, wartet oft die meiste Haus- und Fürsorgearbeit noch auf sie.

Es gab viele Artikel in der Presse die letzten Wochen über den Schaden für den Feminismus und die Gleichberechtigung, den die Pandemie angerichtet hat. Autoren rund um den Globus beklagen einen Rückgang der Gleichstellung von Frauen, weil diese in alte Rollenmodelle zurückgedrängt würden, weil die aktuelle Familiensituation es verlangt. Ja, es hat mit Gehaltsunterschieden zu tun; es hat mit Teilzeit versus Vollzeit zu tun; und mit dem immer noch vorherrschenden Ungleichgewicht, das uns nun schon so lange begleitet. In all der Berichterstattung habe ich einen roten Faden entdeckt: Frauen und Kinder haben absolut keine Stimme. In den meisten Expertenrunden sind – wenn es hochkommt – ein oder zwei Frauen vertreten. Dabei leiden Frauen und Kinder am meisten unter den Veränderungen. Aber sie haben einfach keine Lobby, keine Stimme.

Meine letzte fertiggestellte Arbeit habe ich im Januar dieses Jahres begonnen und der Auslöser war ein anderer Moment der Wut. Ich habe meine kleine Tochter zum Schulbus begleitet und auf dem Gehweg war eines dieser unsäglichen Penis-Graffitis gesprayt, die wir alle kennen und schon auf jeder Wand dieses Planeten gesehen haben. Ich versuchte, ihre Fragen zu dem „Werk“ so gut es ging zu beantworten. In dem Moment entschloss ich mich, eine Bildidee umzusetzen, die ich schon ein paar Jahre in mir trug. Die Hauptfarbe ist inspiriert von dem US-amerikanischen Fußballprofi Megan Rapinoe, die ich seit der letzten Fußball-Weltmeisterschaft bewundere. Der Titel des Bildes ist „Apfel und Pfirsiche“ und es soll zum Lachen anregen.

Die Presse in den letzten Wochen hat auch darüber berichtet, dass der Kampf für die Gleichstellung der Frau im Gegenteil in der Corona-Krise nochmal neuen Schwung bekommen hat, weil so offenbar wurde, wie weit der Weg zu gehen noch ist. Als ich mein Bild vor ein paar Tagen fertiggestellt habe, war ich mir meiner Aufgabe als Künstlerin auf einmal wieder so sicher wie schon lange nicht mehr. Mutter zu sein macht mich stark, kreativ und sensibel – alles was es braucht, um kraftvolle Kunst zu machen.

Mai 2020
Ein bescheidenes Leben führen: die letzten Wochen waren ja wie angetan dazu, sich in dieser Disziplin weiter zu üben. Ich habe diese Zeit genutzt, um mich darin weiter zu verbessern. All die letzten Jahren bin ich ständig am überlegen gewesen, was ich als nächste Kleinigkeit in meinem Leben verändern könnte, um langfristig ein nachhaltigeres Leben zu führen. All diese kleinen Schritte hatten mit Bescheidenheit zu tun. Eine meiner ganz frühen Entscheidungen war der Verzicht auf große Motoren bei den Autos, die ich fuhr. So ist die PS-Anzahl über die Jahre hinweg ständig gesunken. Ich muss dazu sagen, ich würde gerne ganz auf ein Auto verzichten. Aber wer auf dem Land lebt, und dazu drei Kinder und einen Hund hat, der hat eigentlich keine Wahl. Ein gewisses Maß an Mobilität fordert unser Leben einfach und der öffentliche Nahverkehr ist ein Desaster. Nächster Schritt für dieses oder nächstes Jahr ist ein Hybrid- oder Elektroauto. Was unsere Reisetätigkeit anbelangt, sind wir auf rein europäische Ziele umgestiegen, planen aber für eine Fernreise alle fünf Jahre.

Das nächste große Thema war Essen: ich habe da vieles verändert – die Art, wie und was wir kaufen, wie wir Essen benutzen und wie wir essen. Nach einigen Kompromissen mit der Familie sind wir inzwischen bei 70% weniger Fleischkonsum angelangt, ich hoffe die 100% irgendwann zu schaffen. Wir kaufen bio, lokal, frisch und unverpackt – auch wenn ich zugeben muss, dass ich schon das eine oder andere Mal meine Boxen zuhause vergessen habe, die mir helfen, den vielen Papier- und Plastikmüll zu vermeiden. Verhaltensänderungen sind sehr schwer zu lernen – es braucht einfach Zeit. Der Wochenmarkt ist mein liebster Einkaufsplatz, ich trage gut und gerne mindestens 25 Kilogramm Obst und Gemüse nach Hause, jede Woche. Unglaublich, wie viel man braucht, wenn man immer und alles frisch kocht. Insbesondere die letzten Wochen, in denen immer jeder zuhause war und es kein Auswärtsessen gab. Ich habe meinen eigenen Kompost im Garten, auf den alles wandert, was geht. Ich habe auch aufgehört, Essensreste wegzuschmeißen, meine Familie hat sich daran gewohnt, die Reste vom Vortag als Vorspeise zu essen. Hat eine Weile gedauert – aber es funktioniert.

Großes Thema für mich war schon immer: Kleider und Schuhe. Wenn ich daran zurückdenke, was ich früher ausgegeben habe, um mich als Frau gut zu fühlen – einfach lächerlich. Aber es war eine schwere Aufgabe und eine große Veränderung für mich, und es hat mich Jahre gekostet. Heute bin ich beinahe auf einem Null-Konsum angelangt, wenn es um neue Klamotten geht. Was ich allerdings für mein Leben gern mache, ist mit einer Freundin einmal im Quartal loszuziehen und durch die Second-Hand-Läden zu ziehen. Letztes Jahr im Herbst hatte ich allerdings mal einen schlimmen Rückfall und habe wie im Rausch neue Sachen gekauft. Am nächsten Tag habe ich mich schrecklich gefühlt, dann musste ich lachen. Es ist seither nicht mehr vorgekommen, aber man weiß ja nie. Ich bin sehr zufrieden mit den Kleidern und Schuhen, die ich in meinem Kleiderschrank habe. In den ersten Lehrjahren habe ich mir noch damit beholfen, alte Teile aus letzten Winkeln wieder hervor zu suchen, mit wechselnden Accessoires zu arbeiten und mit Freundinnen zu tauschen. Nach ein paar Jahren „Mode-Bescheidenheit“ muss ich sagen bin ich total entspannt mit den schönen klassischen Sachen, die ich habe. Nie würde ich mein zwanzig Jahre altes schwarzes Armani-Kleid hergeben, es bleibt bis zum Schluss. Weniger und Second-hand: das ist meine Formel geworden.

Die letzten Wochen habe ich diese einfache Übung immer weiter perfektioniert: frage Dich selbst, ob Du das wirklich brauchst. Wegen der Ausgangsbeschränkungen musste man sich diese Frage ja sowieso ständig stellen. Da ich zusätzlich mit meiner Arbeit als Künstlerin in der Zeit auch nichts verdienen würde, war die Übung quasi Pflicht. Unglaublich, wie wenig wir wirklich zum Leben brauchen. Ich weiß das schon länger, übe ich mich doch schon jahrelang im konsequenten Ausmisten von „Zeugs“, das niemand braucht – Marie Kondo wäre stolz auf mich. Die letzten Wochen haben mir allerdings einen ungeheuren Fortschritt in Sachen bewusstem Konsum gebracht. Außer der nötigen!  Grundausstattung für unseren Welpen Ella und Essen habe ich nichts gekauft.

Natürlich geht es bei all dem hier nicht darum, kein Geld mehr auszugeben. Es geht darum, gut darüber nachzudenken, wofür man es ausgibt. Weniger, lokal und gute Qualität, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht. Den Rest in die Ausbildung für die Ärmsten der Armen investieren.

März 2020
Als ob das Universum uns eine Nachricht geschickt hätte – so fühlt es sich gerade an. Eine ziemlich deutliche Nachricht. Weil wir einfach nicht hören wollen. Es sieht so aus, als wäre das Universum es leid zuzusehen, wie wir unserer Erde und uns selbst Schaden zufügen. Leid, all die Zerstörung zu sehen, den Hass und den Schmerz, den wir Menschen uns zufügen. Leid, zuzusehen wie wir Ressourcen verschwenden und die Artenvielfalt dezimieren, wie wir Wälder und andere Lebensräume zerstören. Leid den Kriegen zuzusehen und der Gewalt gegenüber den Schwächsten, den Kindern, Frauen, Geflüchteten und den Alten. Leid, unserer selbstbezogenen und arroganten Lebensweise zuzusehen. Leid, dass unser Fokus auf dem nächsten Konsum-Ding liegt, dem nächsten hippen Ort, der bereist werden muss, das nächste „must-have“. Leid zuzusehen, wie wenig wir miteinander reden und wie wenig wir uns noch zuhören. Leid zuzusehen, wie wenig Zeit wir mit unseren Kindern und unseren Alten verbringen. Leid dem ständigen „ich – ich – ich“ zuzusehen.

In den letzten Jahren habe ich für mich persönliche eine starke Form von Spiritualität entwickelt, ein Thema, das mich in jungen Jahren überhaupt nicht interessiert hat. Heute gehört es zu meiner täglichen Routine, mich mit diesem größeren Ganzen in Verbindung zu setzen – wie auch immer man es nennen will: Universum, Gaia, Mutter Erde oder Gott. Dieses „Etwas“, zu dem wir alle dazugehören, das uns umgibt und uns eint. Für mich ist es ein riesiges Energiefeld, das ich regelrecht fühlen und spüren kann. Ich kann mich jederzeit mit ihm verbinden, ich weiß ich bin ein Teil davon. Ich weiß, das ich dazugehöre. Ich weiß, dass es mich mit jedem anderen Menschen, Lebewesen, mit jeder Pflanze, jedem Ding auf dieser Welt verbindet. Ich bin Teil dieses “Etwas”, Teil des Systems und ich habe einen immensen Einfluss darauf – im Negativen wie im Positiven. Den haben wir alle. Mit dieser Macht kommt ein hohes Maß an Verantwortung. Verantwortung, zu helfen, sich zu kümmern, zu erhalten, zu lieben und dieses „Etwas“ wertzuschätzen.

Ich hoffe, dass dieses Virus, das so viel Chaos in unsere Leben bringt und Tod und Durcheinander schafft, ein Anstoß für ein massives Umdenken mit sich bringen wird. Das es uns helfen wird zu erkennen, was in unserem Leben wirklich wichtig ist – ein bescheidenes Leben führen was das Materielle anbelangt, und ein verschwenderisches was unsere Gefühle und unseren Intellekt anbelangt. Ich hoffe, wir lernen wieder mehr Sorge zu tragen für die Schwachen und Armen, die nichts haben und daran zu arbeiten, dass für alle Menschen die Grundbedürfnisse befriedigt werden.

Ich hoffe, wir finden in dieser Krise zu Solidarität und Fürsorge und strecken unsere Hand anderen zur Hilfe aus. Ich hoffe, dass wir die kleinen Dinge im Leben neu zu schätzen lernen: Das Kind, das lacht und Dich umarmt. Jemand in Not im Arm halten und ihm in die Augen sehen. Die Zeit draußen in der Natur, einfach nur Zeit zu beobachten. Ich hoffe, dass wir die Zeit, die wir mit der Familie und Freunden haben, neu zu schätzen lernen. Es ist Zeit für die, die wir lieben und die, die uns brauchen – für sie zu kochen, ihnen vorzulesen, sie zu streicheln. Ich hoffe, diese Pandemie wird zu einem Weckruf an uns alle, so dringend nötig, und dass sich die Dinge zum Besseren transformieren werden.

Februar 2020
Ich habe Chido Govera 2011 in Berlin kennengelernt. Sie ist eine afrikanische Frau aus Zimbabwe, die mit sieben Jahre Waise wurde und fortan für ihre fast blinde Großmutter und ihren kleinen Bruder sorgen musste. Ohne Schutz und Fürsorge durch die Familie sind Waisenmädchen in Afrika eigentlich immer Opfer von Hunger und sexuellem Missbrauch. Chido hat ihr Leben anderen Waisenmädchen gewidmet und kämpft seither, sie vor diesem scheinbar unausweichlichem Schicksal zu bewahren und ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich arbeite schon viele Jahre mit Chido und für jedes Kind, dass unsere Future of Hope Foundation unterstützt, bin ich dankbar. Das Bild hier oben spiegelt meine tiefe Verbundenheit mit Chido wieder. Wir nennen uns selber “soul sisters” und so heißt auch dieses Kunstwerk. Wir haben daran zusammen gearbeitet, unser beider Körperabdruck ist darauf zu sehen.

2019 wurde ich vom Rotarier-Club Albstadt eingeladen, unser Projekt vorzustellen. Genau vor einem Jahr im Februar, besuchte ich eines ihrer Treffen und erklärte, worum es bei der Future of Hope Foundation ging. Wie ist die Stiftung strukturiert, welche Ziele hat sie, wie arbeitet sie. Zwei Punkte überzeugten den Club davon, dass die Unterstützung nicht nur sinnvoll sondern auch erfolgversprechend ist: erstens schicken wir regelmäßig lokale Helfer wie zum Beispiel Silvia Blumenschein und Peter Schütz nach Zimbabwe vor Ort, um die Arbeit der Stiftung vor Ort voranzutreiben. Zweitens wurde das Konzept von einer afrikanischen Frau für afrikanische Mädchen erdacht, was die Erfolgschancen deutlich erhöht. Einige Monate später erhielt ich die Nachricht, dass der Rotarier-Club Albstadt entschieden hatte, uns großzügig zu unterstützen.

Wochen später meldete sich der Präsident des Rotarier-Clubs nochmals, um mir mitzuteilen, dass die Future of Hope Foundation auch als einer der Empfänger des Spendenlaufs in Albstadt auserkoren wurde. Der Charity-Lauf findet jedes Jahr im Oktober statt, und Chido und ich wurden zu dem Event eingeladen. Es war ein warmer und sonniger Tag, wir konnten den Läufern zusehen wie sie ihre Runden für den guten Zweck drehten und konnten unser Projekt einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. Es war besonders berührend, den vielen teilnehmenden Kindern zuzusehen, wie sie Runde für Runde kämpften, um anderen Kindern in Afrika zu helfen.

Diesen Monat, im Februar 2020, wurde ich dann eingeladen, die 10.000 EUR für die Future of Hope Foundation entgegenzunehmen. Zusätzlich konnte unser kleiner gemeinnütziger Verein “Chido Govera Friends” diverse kleinere Projekte für Chido finanzieren. Ihr den ersten Teilabschnitt eines eigenen kleinen Hauses inklusive Büro zu bauen, ist davon das Bedeutendste. Ein Platz nur für sich, das war für Chido bis heute nur ein Traum. Das Jahr 2019 war somit das erfolgreichste Jahr meiner Arbeit für Chido. Wenn Sie mehr über unsere Arbeit erfahren wollen, besuchen Sie www.thefutureofhope.org und www.chido-govera-friends.org.

Chido Govera mit dem Präsident des Rotarier-Clubs Albstadt beim Charity-Lauf 2019 in Albstadt.

Peter Schütz nimmt mit mir den Check des Charity-Laufs entgegen.

Januar 2020
Als ich vor vielen Jahren in Melbourne wohnte, wurde ich ein Fan der australischen Stand-up-Comedians. Jahre später, zurück in Europa, stieß ich zufällig auf Aufnahmen der australischen Komödiantin Hannah Gadsby, ich ich für ihren unglaublichen Mut bewundere. Mitten in einem ihrer Life-Auftritte als Stand-up-Comedian wurde sie auf einmal ganz ernst und offenbarte ihrem Publikum, dass sie keine Witze mehr über Schwule und Lesben machen wollte. Sie sprach über all die Momente in ihrem Leben, in denen sie für das was sie war verletzt, angegriffen, diskriminiert und angegangen wurde. Es war einer der berührendsten Szenen, die ich jemals gesehen hatte. Es war der Moment, der den Gedanken zu diesem Bild entstehen ließ. Mir wurde klar, dass es Zeit wurde, meinen eigenen #metoo-Lebenslauf zu schreiben; um mir vor Augen zu führen, was mir seit meiner Kindheit bis heute widerfahren war. Als ich meine Tabelle geschrieben hatte, musste ich heulen. Aber diese sehr persönliche Dokumentation war zugleich auch ein unglaublich starker Moment. Es war wie ein Abschlusspunkt hinter meine Vergangenheit. Viele Jahre lang hatte ich an meiner eigenen Heilung gearbeitet. Es war so befreiend, jetzt diesen Schlussstrich zu ziehen.

Natürlich habe ich nie aufgehört über das „Warum“ nachzudenken. Warum tun Männer Frauen solche Dinge an? Warum taten diese Männer mir das an? Ich glaube, dass sie ausnahmslos als “harte Kerle” ausgebildet, erzogen und von der Gesellschaft beeinflusst groß wurden. Ich glaube auch, dass wenn Menschen nur einen der beiden Prinzipien leben dürfen – das weiche oder das harte Prinzip – dann degenerieren die eigentlich positiven Eigenschaften dieses einen Prinzips: aus Macht wird Missbrauch, Autorität wird Aggression, Kreativität wird zu blindem Ehrgeiz, aus Wille wird Sturheit, Mut wird zu Macho-Gehabe, aus Führung wird Kontrollwahn, Weisheit wird zu Arroganz, aus Charisma wird Manipulation und aus Beschützen wird Zerstörung. Klingt dieses Profil bekannt? Das ist das Profil, in das Jungen hineinwachsen, wenn ihnen niemals erlaubt wird, ihre weiche Seite zu leben. Oder noch schlimmer, wenn sie für das Ausleben derselben sogar bestraft und geschlagen werden. Das Ergebnis ist das, was wir toxisch männlich nennen. Genau dasselbe passiert auf der anderen Seite – und da sind es meist Mädchen – wenn man gezwungen wird, nur die weiche Seite zu leben. Sie werden dann toxisch weiblich. Aus Geduld wird Lethargie, aus Hingabe wird Unterwürfigkeit, aus nährend wird überbehütend, aus Zuneigung wird Eifersucht und Manipulation, Empfänglichkeit wird zu Passivität, aus Intuition wird Paranoia und Hysterie, Gefühle zeigen wird zu Sentimentalität und Launenhaftigkeit, aus Entspannung wird Faulheit, Sensibilität wird zur Selbstaufgabe, aus verbunden mit dem Universum wird Gleichmut, aus weich wird schwach.

Mädchen die geschlagen werden, weil sie Dinge laut aussprechen oder mehr einfordern und Jungen die geprügelt werden, weil sie weinen oder nicht sofort zurückschlagen – das Ergebnis ist meist toxisch. Die Zeiten haben sich geändert, zumindest in vielen Ländern, wenn auch noch viel zu tun ist. Mädchen und Jungen werden häufig nicht mehr wie früher auf eines der beiden Lebensprinzipien festgelegt. Immer mehr Eltern, Lehrer und Gesellschaften sind auf einem guten Wege, beiden Geschlechtern sowohl das weiche als auch das harte Prinzip nahezubringen und beizubringen. So kann letztendlich das Beste aus dem Menschen hervorgebracht werden.

Dezember 2019
Letzte Woche habe ich für eine Firma im Raum Heidelberg einen Workshop durchgeführt, die diverse Lern- und Trainings-Service für das Gesundheitswesen anbietet. Neunzig Prozent der Teilnehmerinnen waren Frauen, was in dieser Branche üblich ist. So gibt es immer noch sehr viel mehr Krankenschwestern als Krankenpfleger. Sieht man sich das Gesundheitssystem insgesamt an, wird klar, dass Frauen dort den Hauptanteil an den Billigjobs ausmachen. Trotz ihrer Systemrelevanz für die heutige Gesellschaft, gehören Frauen im Gesundheitswesen zu den am wenigsten verdienenden Arbeitnehmern überhaupt. Im Laufe des Workshops ließ ich dazu den einen oder anderen Kommentar fallen. In einer der Pausen trat eine Teilnehmerin auf mich zu und fragte mich, ob ich Feministin sei. Ich war etwas überrascht und musste lachen, antwortete Ihr dann, dass ich in erster Linie Humanist wäre: ich mag Menschen, egal welchen Geschlechts, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung sie auch sein mögen. Aber ja, ich sei auch Feministin in dem Sinne, dass ich daran glaube, dass wir die heutige Lebenssituation für viele Frauen weiterhin verbessern müssen. Angesichts der offensichtlichen Ungleichheit die in den meisten Gesellschaften hierzu noch herrscht, denke ich, dass jeder Feminist sein müsste.

Im Zug auf dem Weg nach Hause, als ich aus dem Fenster sah und die vorüberziehende Landschaft genoss (immer eine besondere Freude auf Reisen), ging mir ihre Frage nicht aus dem Kopf und ich dachte noch länger darüber nach. Ja, ich bin Feministin. Es macht mich wütend, wenn ich an all die Frauen auf der Welt denke, die umgebracht, missbraucht, unterdrückt, beleidigt, missachtet und übersehen werden – einfach nur, weil sie Frauen sind. In den 60er Jahren sorgte die Frauenbewegung für einige Verbesserungen für Frauen, besonders in westlichen Ländern. Die #metoo Bewegung hat uns auf die nächste Stufe gehoben und wieder sind die Dinge etwas besser geworden. Aber es ist noch ein langer Weg zu gehen, vor allem für all die Frauen aus Ländern in denen alles noch beim Alten ist oder stagniert.

Ja, ich bin Feministin. In all den Jahren des Lesens, Studierens und des Lernens habe ich nie eine befriedigende Antwort auf die Frage gefunden, warum Frauen dieser Ungleichheit ausgesetzt sind. Generell gibt es für mich zwei Grundprinzipien der menschlichen Persönlichkeit: das weiche und das harte. Einige nennen diese Yin und Yang; andere wiederum das weibliche und das männliche Prinzip, was ich sehr irreführend finde, impliziert es doch dass die Geschlechter jeweils nur dem einen Prinzip unterliegen. Das „weiche“ Prinzip steht für Geduld, Empfänglichkeit, Sanftheit, das Nährende, das Liebevolle, Hingabe, das Intuitive, für Gefühle ausdrücken, für Entspanntsein, Nichtstun, Empfindsamkeit, hintergründige Kraft, das Fließende, für tiefes Aufnehmen, die Liebe zur Schönheituund der Verbundenheit mit dem Universum.

Das „harte“ Prinzip steht für Macht, Präsenz, Kraft, Klarheit, Durchsetzungsvermögen, Kreativität, Wille, Mut, Führung, Beschützen, Autorität, Wildheit, Spontaneität, Weisheit, Charisma, Ausdruck, Handeln und Unabhängigkeit. Jeder Mann und jede Frau tragen beide Seiten in sich – die weiche und die harte. Mit der Sesshaftwerdung kam es zur Trennung der beiden und zum einseitigen Festlegen von Frauen auf die „weiche“ Seite und von Männern auf die „harte“ Seite – das hat für beide Geschlechter zu einer Beschneidung geführt. Frauen konnten bzw. können ihre „harte“ Seite nicht leben, Männer ihre „weiche“. Zur selben Zeit begann die Abwertung der weichen Seite.

Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich immer mehr Frauen gegen die alten Rollenmuster des „nur-weich-sein“ aufgelehnt. Mit dem Ergebnis, dass viele von ihnen in die Kategorie „nur-hart-sein“ wechselten. Ihre weiche Seite unterdrückend führte dies paradoxerweise auch dazu, die Gleichheit von Frauen weiter negativ zu beeinflussen. Gleichzeitig begannen Männer, ihre weiche Seite zu suchen und zu finden, was eine positive Entwicklung darstellt. Insgesamt aber herrscht immer noch mit eine massive Unterrepresentation und Abwertung der weichen Seite. Symptome dieser Entwicklungen sind nicht nur die Unterdrückung von Frauen, sondern auch die Zerstörung unserer Umwelt und unserer Lebensgrundlage, Gewalt und Krieg. Wir müssen das weiche und das harte Prinzip in jedem einzelnen Menschen wieder in Balance bringen. Diese Balance wird entscheidend für die Rettung unseres Planeten sein.

November 2019
Im November 2019 leite ich einen Workshop an der FH Konstanz. „Confidence Boost“ haben die Projektleiterinnen den Tag genannt. Mit 21 Studentinnen – die meisten von ihnen Absolventinnen – arbeite ich daran, sie für den Einstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Wir arbeiten an eher sachlichen Themen wie „das richtige Verhalten im Vorstellungsgespräch“ und „Tipps für die erste Gehaltsverhandlung“ und „Was mache ich, wenn ich z.B. im Meeting unterbrochen werde“? Der Schwerpunkt aber liegt bei Themengebieten, die viel tiefer gehen: was ist typisch Mann und was typisch Frau? Wie „beschnitten“ sind wir durch die Glaubensätze zum Thema „Mann und Frau“, die wir in Erziehung und Sozialisation aufgenommen und beigebracht bekommen haben? Wie finde ich meine verlorenen Yin- und Yang-Anteile und reaktiviere sie? Wie wichtig ist meine Stimme und wie kann ich sie besser einsetzen? Wie taste ich mich an mein persönliches „Warum“ heran?

Ich arbeite mit den jungen Frauen auch mit Coaching-Tools zur besseren Entscheidungsfindung und zeige Ihnen, wie man sich für ein wichtiges Gespräch stark macht. Der Abschluss des Tages widme ich den Themen wie Ernährung, Spiritualität & Meditation und Sexualität.

Ich bin nicht überrascht, wieviel Tradiertes zum Thema „Mann sein“ und „Frau sein“ noch in uns steckt, unbewusst von Eltern, Familie, Freunden und der Umwelt aufgenommen. Eben auch unbewusst weitergegeben, weniger durch „Gesagtes“ sondern durch „Vorgelebtes“. Wie stark prägen uns immer noch Mütter und andere Frauen, die eher nicht die Stimme erheben oder ihre Meinung für sich behalten. Wie oft begegnen wir noch dem Typus Mann, der gelernt hat „ein ganzer Kerl“ zu sein und dem alles Weiche abtrainiert und so abhandengekommen ist. Häufig spiegelt sich das in Stimme und Körperhaltung wider, das beobachte ich auch im Training mit den Studentinnen.

Es wird ein Tag mit sehr vielen persönlichen und auch sehr bewegenden Momenten. Ich spüre, dass umso mehr ich mich mit meinen eigenen Geschichten einbringe, desto offener zeigt sich auch die Gruppe. Wir lachen viel und weinen auch mal. Der Tag vergeht wie im Flug – so wie sich das im „Flow“ eben anfühlt. Ich bin dankbar für das Vertrauen, das mir die Teilnehmerinnen entgegenbringen und dafür, dass sie diesen Tag mit mir verbracht haben.

Eva Michielin hat uns viele hilfreiche und gut umsetzbare Tipps für den Berufseinstieg und Berufsalltag als Frau gegeben. Eva‘s offene und herzliche Art ermöglichte einen sehr persönlichen Austausch der Teilnehmerinnen und eine vertrauensvolle Stimmung.

Der Workshop wird mein Denken und Handeln langfristig positiv beeinflussen und mir noch lange Zeit ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Vielen Dank!“
Debora Tassone, Projektleiterin „Confidence Boost“ an der HTWG Konstanz

Meine Kunst ist immer dabei – hier mit dem Organisations-Team des Workshops.

Oktober 2019
Mein allererstes Bild entstand 2013 als ich im vierten Monat schwanger mit meiner Tochter war. Zwei Söhne hatte ich schon bekommen und drei Fehlgeburten dazwischen. Ich weiß, dass alle diese Kinder, die da nicht kommen sollten oder wollten, Mädchen waren. Ich konnte sie nicht kriegen – aus Angst, ich würde sie nicht beschützen können. Erst als ich meine alten Ängste in mir soweit besiegt hatte, wegen meines Alters aber ein drittes Kind auch schon aufgegeben hatte, schenkte mir das Schicksal noch dieses kleine Mädchen.

Wie ich damals auf die Idee kam, eines meiner Naturfotografien auf Leinwand drucken zu lassen, mich nackt mit Farbe einzuschmieren und auf die Leinwand zu rollen, weiß ich nicht mehr. Es war auf jeden Fall wie eine Art Befreiung, ein Akt vollkommener Freiheit und Freude. Das Thema dieses ersten Bildes ist dann auch die Transformation. Im Sinne von Verwandlung, von Häutung, von Wiedergeburt, von Loslassen und Neubeginn. Ein Zyklus, der sich durch unser aller Leben zieht – mehr oder weniger wahrnehmbar und wahrgenommen. Bild und Text meiner Arbeiten entstehen immer parallel, das eine kann ohne das andere nicht. Damals war mir das noch nicht so klar. Ich stand vor dem fertigen Bild und wusste, da fehlt noch was. Im Schrank fand ich ein altes Stück Samt und schrieb den Text mit Öl-Stift darauf:

Häute mich. Jahr um Jahr. Wieder und wider.
Bis mir die Füße in den Boden wachsen
und die Hände in den Himmel.